Dienstag, 9. November 2010

Geschichten aus 1000 und einem Windhund

Ich hab gerade nen Moment Zeit und wollte mal ein bisschen berichten, was einem im Greyhound alles passieren kann. Unterhaltsam, abenteuerlich und unbequem, wäre wohl die passende Zusammenfassung. Hier mal ein paar Sachen, die ich unterwegs erleben durft.

Auf meiner Fahrt nach Seattle saß ich hinter einem Weißen (das ist deswegen erwähnenswert, weil nur ca. 10% der Greyhound-Reisenden weiß sind) von geschätzt 38-40 Jahren, unauffällig sportlich gekleidet. Kurz nach Abfahrt in Portland hat er seinen Walkman aufgesetzt und hat angefangen laut und schrecklich schief mitzusingen und dazu die übelsten Stage-Moves und Mimiken zu trainieren, wild zu gestikulieren und mit den Füßen zu tampeln. Die Pausen zwischen den Songs auf seiner Kassette nahm er zum Anlass Selbstgespräche zu führen und zwar in Form von Interviews. Fragte sich selbst, wer seine größten Einflüsse wären (Michael Jackson und Queen) und warum er Miley Cirus für überbewertet und eine Schlampe hält. Der gute Mann war außerdem so multitaskingfähig, dass er nebenbei noch zwei Tüten Chips verdrücken konnte und ein extrem ansprechendes Tisch-Arrangement aus eine Football, einem leeren Eisbecher, einer Plastikrose und eine menge Klebeband basteln konnte, das er danach ins Busfenster geklebt hat. Herrlich.

Auch sehr unterhaltsam sind immer wieder die Busfahrer mit ihren Psychosen. Ein Busfahrer auf der Fahr nach Memphis beschwerte sich ununterbrochen, über die Kratz-Geräusche, die irgendwer machen würde und versprach, dass er denjenigen, der dafür verantwortlich sei, gleich aus dem Bus werfen würde. Diese Durchsagen führten immer nur zu irritierten Blicken, weil niemand irgendwelche Kartzgeräusche hören konnte. Ebenfalls schön, war die Ansage eine Busfahrers, der verkündete: "Okay folks, welcome on the greyhound. Some groundrules: There will be no drinking of alcoholic beverages, no talking, no swearing, no smoking and no loud music. It's like being in church. There will be NO bingo though."

Ein anderes mal war ich in der Gegend von Austin im Greyhound und hatte mich bei einem Stop mit 3 anderen Reisenden unterhalten, der übliche Austausch von Reisezielen und -geschichten. Einer von ihnen war Nick, 18 auf dem Weg zu seiner Freundin in Austin, bereits in seinen jungen Jahren ein absoluter Südstaaten-Gentleman. Als wir wieder im Bus waren (wir vier hatten uns in die hinterste Reihe gesetzt um nen bischen weiter zu quatschen und schmutzige Witze zu reißen) kam auf einmal ein blodes Mädchen den Gang runtergestiefelt, baute sich vor Nick auf und verkündete im besten Alabama-Südstaaten-Slang: "Hey, it's a-going to be a long ride tue Austin. So if you wan' to be a-sitten with may, you cain!", drehte sich um und setzte sich wieder auf ihren Platz in der zweiten Reihe. Wir haben uns vielleicht dämlich angeschaut, das Mädel hatte auf jeden Fall Mut! Nachdem wir Nick dann ein bisschen mit seiner unfreiwilligen Eroberung aufgezogen haben und das Mädel sich zum dritten Mal mit schmachtendem Blick umsah, erhob sich Nick mit den Worten: "Well, I guess it is time to tell her that I'm going to see my girlfriend." und im Ton eines alten Country-Sängers fügte er hinzu: "Geez, I hate to break such a young girls heart!".

Aber es geht nicht immer so lustig zu. Als ich in Seattle auf den Bus gewartet habe, saß eine Frau von vielleicht 30 mir gegenüber und die Frau fing aufeinmal an unkontrolliert zu zucken und fällt einfach vornüber vom Stuhl. Ich dachte ich spinne, bin aufgesprungen und habe mich über sie gebeugt und sie auf die Seite gedreht (weil sie schon angefangen hatte Gift und Galle zu spucken) und habe dem Mann am Tresen zugerufen, dass er sofort einen Notarzt rufen sollte. Zum Glück kamen die schnell, ich hatte keine Ahnung was ich mit der Frau machen sollte und viele Ärzte hat man nicht als Mitreisende, wenn man mit dem Greyhound unterwegs ist. Der freundliche Mann hinter dem Tresen ist überings nachdem er 911 gerufen hat einfach in seinem Büro verschwunden. Das gleiche gilt für das restliche Personal: Eben noch waren in der kleinen Schalterhalle noch 2 Security Leute, 2 Mitarbeiter am Schalter und 3 Leute von der "Bodencrew" und auf einmal sind alle wie vom Erdboden verschluckt ... ich hoffe die Frau hat das ganze überstanden, als die Notärzte kamen war sie schon wieder etwas ansprechbar und das schlimmste schien vorbei. Trotzdem sollte ich wohl mal meinen Erste-Hilfe-Kurs auffrischen, wenn ich zurück in Deutschland bin.

So, aber jetzt steht bin in San Francisco und es ist nur noch ein abschließender, relativ kurzer Greyhound-Ritt nach LA, nächste Woche. Das ist auch ganz gut so, da die Sitze in den Bussen für mich natürlich viel zu niedrig sind, was schlafen mehr oder weniger unmöglich macht und die längeren Trips (24h+) ziemlich unangenehm werden lässt. Aber dafür ist das ganze unschlagbar billig. Für 500$ habe ich einen Discovery Pass gekauft, mit dem ich soviel fahren konnte wie ich will, für 60 Tage. Hat sich total gelohnt!

So weit so gut. Bald mehr über meine Reisen nach San Francisco. Ich muss jetzt schlafen gehen, ich bin seit 34 Stunden wach und habe SF heute zweimal in voller breite zu Fuß durchquert (jeder Weg ca. 7,5 Meilen). Ich denke ich kann mit meinem Tageswerk zufrieden sein.

Gruß
Jonas

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